Outdoor-Coaching und Projektmanagement: Was der Berg über Führung, Verantwortung und Planung lehrt
Was haben ein verpasster Abzweig, ein Wetterumschwung im Gebirge und ein schwieriges Projekt gemeinsam?
Mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Im Outdoor-Coaching im Rofangebirge wurde aus einer mehrtägigen Hüttentour ein Erfahrungsraum für Themen, die mir auch im Projektmanagement immer wieder begegnen: Verantwortung, Kommunikation, Führung, Planung, Veränderung und der Umgang mit Situationen, die anders verlaufen als erwartet.
Denn Projekte entstehen nicht aus Methoden allein. Sie werden von Menschen gemacht.
Und manchmal erkennt man draußen am Berg besonders deutlich, wie man mit diesen Menschen – und mit sich selbst – umgeht.
Outdoor-Coaching: Raus aus dem gewohnten Raum
Coaching findet klassischerweise in einem geschützten Raum statt. Zwei Menschen sitzen sich gegenüber, reflektieren Situationen und entwickeln neue Perspektiven.
Beim Outdoor-Coaching verändert sich dieser Rahmen.
Wir gehen.
Wir orientieren uns.
Wir treffen Entscheidungen.
Wir erleben Unsicherheit.
Wir werden mit Anstrengung, Wetter und unerwarteten Situationen konfrontiert.
Dadurch entstehen Momente, die sich in einem Coachingraum kaum künstlich herstellen lassen.
Im Rofangebirge ging es deshalb nicht darum, einfach nur gemeinsam eine anspruchsvolle Bergtour zu absolvieren. Die Tour war vielmehr der Rahmen, in dem persönliche Verhaltensweisen und Themen aus Führung und Projektmanagement unmittelbar sichtbar werden konnten.
Tag 0: Reflexion und Planung vor der Tour
Der Tag vor der eigentlichen Hüttentour begann mit einer klassischen Coaching-Frage:
Was hat sich in den vergangenen 30 Tagen verändert?
Wir betrachteten gemeinsam, was seit unserem letzten Gespräch funktioniert hatte, was weniger gut gelungen war und wie mein Coachee inzwischen auf die ursprünglich ins Coaching eingebrachte Situation blickte.
Danach wechselten wir vom Coaching in die konkrete Tourenplanung.
Kartenstudium.
Tracks in der Navigations-App anlegen.
Ausrüstung kontrollieren.
Abläufe besprechen.
Auch hier liegt bereits eine interessante Parallele zum Projektmanagement.
Eine gute Vorbereitung schafft Orientierung. Sie reduziert Unsicherheiten und hilft, Risiken frühzeitig zu erkennen.
Aber eine gute Planung garantiert nicht, dass sich die Realität später an diesen Plan hält.
Diese Erkenntnis sollte uns bereits am übernächsten Tag beschäftigen.
Tag 1: „Wieso hast du nicht darauf geachtet?“
Der erste Tourentag begann ruhig.
Wir stiegen früh durch den Wald auf. Jeder hing zunächst seinen eigenen Gedanken nach. Wir kamen an einem Wasserfall vorbei und genossen die Umgebung.
Dann stellten wir fest:
Wir waren am Einstieg unseres ersten Klettersteigs vorbeigelaufen.
Und plötzlich fiel ein Satz:
„Wieso hast du nicht darauf geachtet, dass wir richtig gehen?“
Ein kleiner Moment.
Aber für das Coaching ein großer.
Denn in diesem Satz zeigte sich ein Verhaltensmuster, das sich genauso in Projekten und Führungssituationen beobachten lässt.
Meine erste Antwort kam mit einem Schmunzeln:
„Warum sollte ich?“
Dann wurde daraus eine ernsthafte Reflexion.
Wer war eigentlich für die Navigation verantwortlich?
War diese Verantwortung vorher eindeutig vereinbart worden?
Oder hatten beide stillschweigend etwas angenommen?
Und was passiert, wenn aus einer ungeklärten Zuständigkeit plötzlich eine Schuldzuweisung wird?
Verantwortung im Projektmanagement
Genau diese Situationen kenne ich aus vielen Projekten.
Etwas funktioniert nicht.
Eine Aufgabe wurde nicht erledigt.
Eine Entscheidung wurde nicht getroffen.
Eine Information kam nicht rechtzeitig an.
Und sehr schnell entsteht die Frage:
„Warum hast du nicht …?“
Dabei müsste die erste Frage möglicherweise eine ganz andere sein:
War eigentlich eindeutig geklärt, wer für diese Aufgabe verantwortlich war?
Projektmanagement bedeutet deshalb nicht nur Terminpläne, Methoden und Prozesse.
Projektarbeit ist auch Beziehungsarbeit.
Menschen müssen verstehen, welche Verantwortung sie tragen, welche Entscheidungen sie treffen dürfen und was andere von ihnen erwarten.
Sind diese Dinge nicht geklärt, entstehen Interpretationen.
Aus Interpretationen entstehen Erwartungen.
Und aus enttäuschten Erwartungen können Konflikte werden.
Unser kleiner Navigationsfehler am Berg wurde deshalb zu einem unerwartet wertvollen Coaching-Moment.
Die Fakten des Tages
Für diejenigen, die auch die Tourendaten interessieren:
1.645 Höhenmeter Anstieg
754 Höhenmeter Abstieg
zwei Klettersteige im Schwierigkeitsgrad C/D
rund 6:30 Stunden Gesamtzeit
Übernachtung auf einer DAV-Hütte
Körperlich ein intensiver Tag.
Gedanklich mindestens genauso.
Tag 2: Wenn sich Pläne nicht an Pläne halten
Der zweite Tag startete mit einem klaren Vorhaben:
Vier Klettersteige wollten wir gehen.
Wir standen früh auf, bereiteten die Ausrüstung vor und machten uns motiviert auf den Weg.
Zwei Klettersteige liefen wie geplant.
Dann begann es zu regnen.
Große Tropfen machten schnell deutlich: Unser ursprünglicher Plan war vorbei.
Genau das gehört zum Outdoor-Erlebnis. Der Berg interessiert sich nicht für unseren Projektplan. Das Wetter kennt keine Meilensteine. Und eine Regenwolke lässt sich auch durch einen hervorragend moderierten Workshop nicht davon überzeugen, noch zwei Stunden zu warten.
Wir mussten entscheiden.
Weitergehen?
Oder umkehren und einen neuen Plan entwickeln?
Die Entscheidung war eindeutig.
Zurück zur Hütte.
Change Management auf dem Berg
Bei einem Kaffee entstand daraus das nächste Coaching-Thema:
Wie reagieren wir eigentlich, wenn ein Plan nicht mehr funktioniert?
Im beruflichen Umfeld begegnet uns diese Situation ständig.
Ein Kunde verändert seine Anforderungen.
Eine Ressource fällt aus.
Eine Entscheidung dauert länger als geplant.
Ein Liefertermin verschiebt sich.
Ein Risiko tritt ein.
Oder ein Projekt entwickelt sich schlicht anders als ursprünglich angenommen.
Interessant ist dann nicht nur, dass sich der Plan verändert.
Interessant ist, wie wir darauf reagieren.
Mein Coachee stellte fest, dass Planänderungen für ihn bisher nicht besonders angenehm waren.
An diesem Tag entstand eine andere Erfahrung:
Akzeptieren. Neu bewerten. Umplanen. Weitergehen.
Keine Schuldzuweisung.
Keine lange Diskussion darüber, warum die Realität nicht unserem Plan entsprach.
Sondern die Frage:
Was ist unter den neuen Bedingungen jetzt sinnvoll?
Ein Plan ist kein Versprechen der Realität
Für mich ist das eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Outdoor-Coaching und Projektmanagement. Planung ist notwendig.
Natürlich benötigen Projekte Ziele, Strukturen, Verantwortlichkeiten und Termine.
Aber ein Projektplan ist keine Garantie dafür, dass die Zukunft genauso eintreten wird.
Gutes Projektmanagement zeigt sich deshalb nicht nur darin, einen guten Plan zu erstellen.
Es zeigt sich ebenso darin, Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und angemessen darauf zu reagieren.
Am Berg war die Situation sehr klar:
War es schlimm, dass wir nicht vier Klettersteige gehen konnten?
Nein.
War jemand schuld?
Nein.
War das ursprüngliche Ziel noch sinnvoll?
Unter den veränderten Bedingungen nicht.
Also entstand ein neuer Plan.
Die Tourendaten von Tag 2
914 Höhenmeter Anstieg
914 Höhenmeter Abstieg
zwei Klettersteige im Schwierigkeitsgrad C/D
rund 5:45 Stunden Gesamtzeit
Das Feedback meines Coachees am Ende dieses Tages:
„100 Prozent positiv.“
Nicht obwohl wir unseren ursprünglichen Plan nicht erreicht hatten.
Vielleicht teilweise gerade deshalb.
Was Outdoor-Coaching für Projektleiter und Führungskräfte leisten kann
Für mich liegt genau darin die Stärke eines Outdoor-Coachings. Draußen werden
Themen nicht nur besprochen. Sie werden erlebt.
Verantwortung ist plötzlich keine abstrakte Führungsfrage mehr, wenn zwei Menschen vor einer Wegkreuzung stehen. Veränderungsfähigkeit ist kein theoretisches Change-Modell mehr, wenn plötzlich Regen aufzieht. Vertrauen ist nicht nur ein Begriff aus einem Teamworkshop, wenn man gemeinsam einen Klettersteig begeht. Und Entscheidungen haben unmittelbare Konsequenzen.
Das macht Outdoor-Coaching gerade für Projektleiter, Führungskräfte und Menschen mit hoher Verantwortung interessant.
Es entsteht Abstand zum gewohnten Arbeitsumfeld – und gleichzeitig werden viele Muster aus genau diesem Umfeld sichtbar.
Projektmanagement beginnt beim Menschen
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich professionell mit Projektmanagement, Projektoptimierung, Training und Coaching.
Dabei bestätigt sich für mich immer wieder:
Methoden sind wichtig.
Strukturen sind wichtig.
Standards und Prozesse sind wichtig.
Aber am Ende werden Projekte von Menschen gemacht.
Menschen kommunizieren.
Menschen übernehmen Verantwortung.
Menschen treffen Entscheidungen.
Menschen gehen mit Veränderungen unterschiedlich um.
Und Menschen reagieren manchmal mit:
„Wieso hast du nicht …?“
Vielleicht liegt die interessanteste Frage deshalb nicht darin, wer am verpassten Abzweig schuld war.
Sondern darin, was wir über unser eigenes Verhalten erkennen, wenn wir einmal daran vorbeigelaufen sind.
Outdoor-Coaching mit Ingolf Speer
Outdoor-Coaching bedeutet für mich nicht automatisch Hochgebirge oder Klettersteig.
Es kann ein Spaziergang sein.
Eine Wanderung.
Eine Tour mit dem Fahrrad.
Eine Aktivität am Wasser.
Oder – wenn es zum Menschen und zum Coachingziel passt – eine mehrtägige Tour in den Bergen. Entscheidend ist nicht die sportliche Leistung.
Entscheidend ist die Frage:
Welche Umgebung und welche Erfahrung helfen dabei, neue Perspektiven auf ein
bestehendes Thema zu entwickeln?
Genau darin verbindet sich mein Coaching mit meiner langjährigen Erfahrung im Projektmanagement.
Projektexzellenz. Persönlich.
Mehr über mein Outdoor-Coaching findest Du hier:
Mehr zu meiner Arbeit rund um Projektmanagement und Projektoptimierung:
Vertraulichkeit im Coaching
Noch ein wichtiger Punkt:
Auf den Bildern dieser Tour ist mein Coachee bewusst nicht zu sehen.
Coaching braucht einen geschützten Raum.
Deshalb haben wir Vertraulichkeit vereinbart. Die Identität und persönlichen Inhalte meines Klienten bleiben geschützt.
Die grundsätzlichen Erfahrungen aus solchen Situationen können trotzdem wertvolle Denkanstöße geben. Vielleicht auch für das nächste Projekt. Oder für den nächsten verpassten Abzweig.


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